Warum ist die Digitalisierung im Güterverkehr langsamer als im Personenverkehr?

Feb. 16, 2026 | Bahnindustrie, Güterverkehr & Logistik, Innovation

Eine Frage, zwei Welten und viele Bauchgefühle

Ein Fahrgast steht auf dem Bahnsteig, blickt aufs Smartphone und weiß: der Zug hat fünf Minuten Verspätung, Wagen 23 ist heute ganz vorne, die Sitzplatzauslastung liegt bei 80 %. Alles digital, alles transparent. Ein paar Kilometer weiter rangiert ein Güterzug. Die Planung der Wagenreihung, die Umlaufsteuerung der Wagenflotte und die Abstimmung mit mehreren Anschlussbahnen laufen über spezialisierte leistungsfähige IT-Systeme, nur sieht das niemand außerhalb des Betriebs.

Schnell ist das Urteil gefällt: der Personenverkehr ist digital, der Güterverkehr hinterher. Doch es lohnt sich ein zweiter Blick. Denn die Frage ist nicht nur ob digitalisiert wird, sondern auch wo, wie und für wen. Die Leitfrage des Beitrags ist daher bewusst provokant:

Ist die Digitalisierung im Güterverkehr tatsächlich langsamer, oder einfach weniger sichtbar?

Zwei Systeme, zwei Logiken – warum ein Vergleich schwierig ist

Personen und Güterverkehr funktionieren nach grundlegend unterschiedlichen Logiken. Der Personenbahnverkehr ist auf Massenkundschaft ausgelegt, stark politisch geprägt und teilweise öffentlich finanziert. Digitalisierung zielt hier vor allem auf Information, Komfort und Wahrnehmung ab, sie wirkt daher stark nach außen.

Der Schienengüterverkehr ist hingegen ein hochkomplexes B2B-System, oft auch noch mit internationalen Abhängigkeiten. Kunden sind professionelle Verlader, Produktionsunternehmen oder Logistikdienstleister. Entscheidend ist nicht, die App-Bewertung, sondern die Wirtschaftlichkeit, Stabilität und Planbarkeit der Transportketten.

Misst man beide Welten mit denselben Kriterien, wird der Vergleich schwierig, denn der Digitalisierungserfolg lässt sich nicht pauschal an Nutzer-Zugriffszahlen messen. Die eigentliche Frage müsste lauten: „Wo schafft Digitalisierung welchen Mehrwert?“.

Treiber der Digitalisierung im Personenverkehr

Im Personenverkehr gibt es einen mächtigen Beschleuniger: öffentliche Sichtbarkeit.

  • Politischer Druck durch Medien, Fahrgastvertretungen und Aufgabenträger
  • Direkter Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Kundenzufriedenheit
  • Klare Erfolgskriterien, nämlich Pünktlichkeit, Information und Nutzung

Eine neue Fahrgast-App oder Echtzeitinformation ist sofort sichtbar, ihr Erfolg an Downloads, Bewertungen oder Beschwerden messbar. Die Digitalisierung zahlt direkt auf Reputation und Image ein und wird damit entsprechend priorisiert.

These 1:

Im Personenverkehr wird Digitalisierung vor allem dort beschleunigt vorangetrieben, wo sie für viele Menschen unmittelbar erlebbar ist.

Treiber der Digitalisierung im Güterverkehr

Im Güterverkehr wirken andere Kräfte. Hier entscheidet nicht die öffentliche Meinung, sondern die betriebswirtschaftliche Wirkung.

Typische Digitalisierungsfelder sind:

  • Disposition und Umlaufplanung
  • Kapazitäts- und Ressourcenmanagement
  • Instandhaltungs- und Störungsmanagement
  • Datenintegration zwischen technischen und kaufmännischen Systemen

Viele dieser Lösungen basieren auf leistungsfähigen IT-Architekturen und zunehmend auch auf KI. Sie sind hochwirksam, verbessern Stabilität und Effizienz, bleiben aber für Außenstehende unsichtbar.

These 2:

Der Güterverkehr digitalisiert dort, wo es wirtschaftlich relevant ist, auch wenn es dort niemand sieht.

Hemmnisse der Digitalisierung im Schienengüterverkehr im Vergleich zum Personenverkehr

Warum wirkt Digitalisierung im Personenverkehr oft schneller?

  • Hoher Standardisierungsgrad von Fahrplänen, Haltestellen, Fahrzeugtypen
  • Weniger Akteure und damit klarere Verantwortlichkeiten
  • Öffentliche Finanzierung mit langfristigem Horizont

Im Schienengüterverkehr dagegen:

  • Viele Akteure entlang der Transportkette
  • Komplexe, situative und dynamische Transportabläufe
  • Unterschiedliche IT-Reifegrade
  • Hohe Abhängigkeit von Partnern und Schnittstellen

Digitalisierung endet hier nicht am eigenen System, sondern muss über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg funktionieren.

These 3:

Im Schienengüterverkehr ist nicht die technologische Reife der Engpass, sondern die Komplexität des Gesamtsystems.

Eine Praxisperspektive: Warum die „Langsamer-These“ aus unserer Sicht nicht haltbar ist

Aus unserer praktischen Erfahrung lässt sich die pauschale Aussage, der „Schienengüterverkehr sei weniger digitalisiert als der Personenverkehr“, nicht bestätigen.

Wir entwickeln bei ONTEC seit vielen Jahren an maßgeschneiderte, effiziente IT-Lösungen speziell für den Schienengüterverkehr. Unser Blick ist dabei ein klarer B2B-Blick, der ein völlig anderes Bild als in der öffentlichen Wahrnehmung zeigt.

Der Schienengüterverkehr ist heute in einem hohen Maß digitalisiert. Viele seiner zentralen Geschäftsprozesse wären ohne leistungsfähige IT-Systeme überhaupt nicht mehr durchführbar. Zwei Beispiele aus der Praxis:

  • Leerwagendisposition: Die optimale Verteilung leerer Güterwagen über ein komplexes Netz aus Kunden, Terminals und Werkstätten ist eine hochdynamische Aufgabe. Ohne IT-gestützte Planung, Simulation und Datenintegration wäre sie organisatorisch nicht beherrschbar.
  • Kapazitätsmanagement im Einzelwagenverkehr: Die Planung von Zugläufen, Wagenanschlüssen und Ressourcen im Einzelwagenverkehr erfordert präzise, digitale Abbildung von Kapazitäten, Restriktionen und Abhängigkeiten. Manuell ließe sich ein solches System heute nicht mehr betreiben.

Diese und viele weitere Prozesse laufen täglich zuverlässig, hochautomatisiert und meist unbemerkt von der Öffentlichkeit.

These 4:

Der Schienengüterverkehr ist nicht weniger digitalisiert, sondern digitalisiert dort, wo es niemand sieht.

Der blinde Fleck der Debatte: Messen wir Digitalisierung falsch?

Ein Perspektivwechsel kann sich lohnen. Wir messen Digitalisierung häufig an der Sichtbarkeit:

  • Apps
  • Dashboards
  • Benutzeroberflächen

Operative Digitalisierung entfaltet ihre Wirkung jedoch oft im Verborgenen:

  • Weniger Störungen
  • Bessere Auslastung von Assets
  • Stabilere Prozesse

Ein KI-System, das Wartungsintervalle optimiert, spart Kosten und erhöht die Verfügbarkeit, ohne, dass es für die Allgemeinheit sichtbar wird. Oder zugespitzt: Digitalsysteme des Güterverkehrs gewinnen vielleicht keine Publikumspreise, aber eine ganze Menge Effizienz.

These 5:

Sichtbare Digitalisierung ist nicht automatisch wirksamere oder relevantere Digitalisierung.

Zwei Digitalisierungswelten – ein grafischer Vergleich

Die tabellarische Gegenüberstellung zeigt: für die Digitalisierung sind jeweils andere Faktoren maßgeblich.

These 6:

Digitalisierung ist kein Wettbewerb zwischen Sparten, sondern ein Lernprozess über verschiedene Systeme hinweg.

Fazit: Langsamer, oder einfach anders?

Stimmt die Behauptung, dass die Digitalisierung im Bahngüterverkehr langsamer voranschreitet als im Personenverkehr? Die ehrliche Antwort darauf lautet: Nein, aber sie folgt einer anderen Logik.

Während Digitalisierung im Personenverkehr meist einfach sichtbar ist, geht es im Bahngüterverkehr primär um die Wirksamkeit im zugrundeliegenden Prozess. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass die Digitalisierung im Personenverkehr nur schöne Fassade ist, sie betrifft einfach sehr viel mehr Menschen in ihrem Lebensalltag. Bei der Beurteilung der Digitalisierungsgeschwindigkeit messen wir den Güterverkehr deshalb oft mit dem falschen Maßstab.

Mein Impuls an Entscheider*innen lautet deshalb:

Fragen Sie nicht zuerst, wie digital Ihr Unternehmen wirkt, sondern wo Digitalisierung echten Nutzen stiftet.

Klingt spannend? Reden wir darüber!

Seit vielen Jahren digitalisieren wir bei ONTEC mit individuellen Softwarelösungen die Prozesse des Bahngüterverkehrs. Auch sichere und datenschutzkonformer KI-Lösungen gehören zu unserem Angebot. Das umfassende Know-how, das wir uns über die Bahnbranche angeeignet haben, setzen wir zur vollsten Zufriedenheit unserer Kunden ein. Gerne diskutieren wir mit Ihnen darüber, wie auch Ihre Prozesse wirksam digitalisiert werden können, so dass sie einen echten Mehrwert für Ihr Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden generieren.

Oder

Diesen Artikel auf Social Media teilen:

Ähnliche Artikel